Ein Stuhlbein, das wieder hält
Buchenholz aus den sechziger Jahren, ein Bruch an der Verzapfung, fünf Stunden Arbeit. Über das Schleifen, das Leimen, das Spannen mit Schraubzwinge und die Frage, warum eine Reparatur lohnt, deren Stundenlohn man besser nicht nachrechnet.
Der Stuhl, von dem hier die Rede ist, steht seit dem Frühjahr neunzehnhundertsechsundsechzig in einem Esszimmer in Bonn, vermutlich seit damals an derselben Stelle, wenn man die Umzüge mitrechnet, die er als Teil eines Sets von vier durchgemacht hat. Buchenholz, massiv, zur Zeit der Geburt der Bundesrepublik bereits unmodisch, in den sechziger Jahren als bürgerliche Solidität neu entdeckt, mit jener für das Jahrzehnt charakteristischen Verbindung aus dunkler Beize und schlichten, leicht gerundeten Kanten. Die Sitzfläche ist gepolstert, das Polster mehrmals neu bezogen, zuletzt in einem Stoff, der einen kleinen Karoschuss in Weinrot zeigt; die Lehne ist offen, mit zwei senkrechten Streben, die im Winkel an die Rückenform der mittleren sechziger Jahre angepasst sind, was bedeutet: nicht ergonomisch, aber so wenig unbequem, dass man es lange nicht merkt.
Vor zwei Wochen ist eines der hinteren Beine gebrochen. Nicht gerissen, gebrochen — und zwar genau dort, wo die Verzapfung in den unteren Rahmen läuft, also an der schmalsten Stelle des Beins, dort, wo der Querschnitt von vier Zentimetern auf eineinhalb Zentimeter zurückgeht, um in das Bohrloch der Zarge zu greifen. Es ist die typische Bruchstelle dieser Stühle. Der Anlass war nicht spektakulär; der Stuhl wurde von einem Erwachsenen nach hinten gekippt, wie man es nicht tun soll und doch gewohnheitsmäßig tut, und an der Verzapfung hat das Holz endlich nachgegeben. Der Bruch ist sauber an der Schmalstelle, allerdings zieht sich ein längerer, splittriger Riss daneben nach oben, etwa acht Zentimeter weit, durch die Faser des Buchenholzes; der Riss ist nicht durchgehend, aber tief genug, dass das Bein, hielte man es zurück in die Zarge, nicht mehr verlässlich tragen würde.
Es ist nicht schwer zu sagen, was als Nächstes geschieht. Es ist allerdings auch nicht schwer zu sagen, was nicht geschehen wird. Niemand wird einen neuen Stuhl kaufen. Niemand wird das Set auflösen.
Was an Arbeit hängt
Die Arbeit beginnt nicht in der Werkstatt, sie beginnt in der Küche, mit zwei Schritten: dem Stuhl umzudrehen und sich auf einen Hocker daneben zu setzen, um eine Minute zu schauen. Was schaut man? Ich glaube, nichts Bestimmtes. Aber das Schauen gehört dazu wie das Vorwort zu einem Buch — ohne dass das Vorwort den Inhalt ändert, ändert es etwas am Lesen. Es ist die Übergangszeit zwischen dem Bruch als Ärgernis und dem Bruch als Aufgabe.
Die alten Leimreste, an der Schmalstelle und im Inneren des Zargenbohrlochs, müssen zuerst weg. Sie sind beigeweißlich, leicht spröde, und mit einem dünnen Stechbeitel und etwas Geduld lassen sie sich aus dem Bohrloch herauskratzen, in kleinen schwarzen Flocken, in denen sich Holzstaub und alter Knochenleim mischen; aus den Sechzigern bekommt man oft noch tierischen Leim zu sehen, der unter Wasser quillt und sich dann mit Wärme entfernen lässt, aber in diesem Fall ist es bereits ein synthetischer Weißleim der frühen Sorte, der nicht mehr weich werden will, weshalb man ihn mechanisch wegnehmen muss. Eine halbe Stunde an der Verzapfung, eine halbe Stunde an der Zarge — und am Ende ist das Bohrloch wieder hellbraun, und der Stift der Verzapfung hat seinen sauberen Durchmesser zurück. Es sieht aus, als wäre nie etwas gewesen.
Der Riss neben der Verzapfung ist schwieriger. Er hat sich beim Abklingen des Bruchs leicht aufgespreizt; wenn man das Bein in der Hand wiegt, sieht man, wie zwei lange Faserzungen voneinander wegstehen, ein Millimeter, vielleicht eineinhalb. Die Holzersatzstücke, die ich aus einem alten Buchenholz-Brett zuschneide — auf der Bandsäge, nicht auf der Tischkreissäge, weil die Bandsäge präziser ist, wenn man mit gewachsenem Material arbeitet —, sind keilförmig, drei Zentimeter lang, an der Spitze hauchdünn, am hinteren Ende einen Millimeter dick. Sie werden mit Weißleim D3 eingeklebt, dann mit zwei kleinen Schraubzwingen seitlich gespannt und einer dritten von oben, die den Druck auf das Splittermaterial bringt. Es ist die Sorte Arbeit, in der man eine Hand für das Werkzeug und eine Hand für das Holz braucht und eine dritte sich wünscht. Das Spannen muss schnell gehen, weil der Leim in den ersten zwölf Minuten anziehen will; das Schließen der Schraubzwingen muss gleichzeitig gleichmäßig sein, sonst zieht der Druck den Riss in eine Schiefe, die man später nur durch erneutes Spalten korrigieren kann.
Während die Schraubzwingen halten — vierundzwanzig Stunden, sagt der Hersteller, sechs Stunden reichten, sagt die Praxis, aber ich gebe ihnen zwölf, weil ich nichts erzwingen will —, kann man bereits den anderen Stühlen das Polster abstauben und sich überlegen, wie der reparierte Stuhl später aussehen soll. Die alte Beize ist eine warm-mittelbraune mit einem rötlichen Stich; die Versuche, sie heute zu treffen, scheitern meistens an der Tatsache, dass die heutigen Beizen entweder zu kalt-braun oder zu rot-braun sind, sodass man mischen muss. Aber das kann später kommen. Erst kommt das Spannen, dann das Trocknen, dann das Schleifen.
Warum fünf Stunden
Wenn der reparierte Bereich am nächsten Tag geschliffen wird — Korn hundertzwanzig, dann hundertachtzig, dann zweihundertvierzig —, ist das die Phase der Arbeit, in der man am wenigsten zu denken hat und am meisten zu spüren. Die Faser von Buche ist eine ehrliche Faser; sie nimmt das Schleifpapier, ohne zu reißen, sie öffnet sich nicht, sie staubt nur. Der reparierte Bereich verschwindet unter dem Schleifkorn so sauber, dass eine Hand, die zwei Wochen später über das Bein streicht, nichts mehr finden wird, was eine Bruchstelle wäre. Das Beizen mit der gemischten Lasur, vorsichtig aufgetragen mit einem Lappen statt mit einem Pinsel — Buche nimmt eine Beize mit einer Wolligkeit an, die einem Pinselstrich keine Gnade gibt —, schließt die Arbeit ab.
Vier bis fünf Stunden hat das gekostet, wenn man die Wartezeit zwischen Spannen und Schleifen nicht mitrechnet, sieben oder acht, wenn man sie mitrechnet, je nachdem, wie man die Sache zählt. Ein Stuhl von dieser Sorte ist heute auf dem Gebrauchtmarkt für vierzig bis fünfzig Euro zu haben. Der Stundenlohn der Reparatur, wenn man so rechnen wollte, ist katastrophal. Es ist auch die falsche Rechnung. Wer eine Reparatur als Stundenlohn berechnet, hat schon entschieden, dass er nicht repariert.
In den deutschen Tischlerwerkstätten der fünfziger Jahre, in denen Möbel aus der Vorkriegszeit, aus den zwanziger Jahren oder noch früher, oft schon zum zweiten oder dritten Mal repariert wurden, gab es eine Selbstverständlichkeit des Reparierens, die nicht aus Sparsamkeit hervorging — Sparsamkeit war ein Effekt, kein Motiv —, sondern aus einer anderen Auffassung davon, was ein Möbel war. Ein Möbel war ein Ding, das eine Geschichte hatte, und die Geschichte hatte eine Pflicht: dass sie weiterging. Das Reparieren war kein Akt der Romantik, sondern eine handwerkliche Pflicht. Ich glaube nicht, dass diese Auffassung romantisch wiederkehrt; die ökonomischen Bedingungen, unter denen sie selbstverständlich war, sind nicht wiederherstellbar. Aber als private Haltung kann sie überleben, und sie überlebt — wo sie überlebt — in den fünf Stunden, die einer manchmal in ein Stuhlbein hineinsteckt, ohne dass die Welt es ihm dankt.
Was übrig bleibt, wenn der Stuhl wieder hält, ist mehr als ein Stuhl. Es ist auch nicht weniger als ein Stuhl, das wäre der falsche Klang. Es ist ein Stuhl mit einer kleinen, fast unsichtbaren Stelle am hinteren rechten Bein, an der Buchenholz in Buchenholz geleimt worden ist, und an der die Hand, wenn sie hinfühlt, eine Spur Wärme spürt, die nicht objektiv ist, sondern erinnert. Die Stelle ist nicht der Bruch. Sie ist die Heilung des Bruchs, und sie unterscheidet sich vom umgebenden Holz nur darin, dass sie einmal mehr Aufmerksamkeit gehabt hat als der Rest des Stuhls.
Ich setze mich auf den Stuhl. Er hält. Er ist nicht neu, er ist nicht alt; er ist jetzt einer von vier, der eine Geschichte hat, die die anderen drei nicht haben — und die er, wenn er weiter benutzt wird, an die anderen drei abgeben wird, eines nach dem anderen, in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten, bis das Set, wenn überhaupt, von einer Generation an die nächste übergeht, die nicht mehr unterscheiden kann, welches der vier Beine das eine ist, das einmal gebrochen war.