Die stille Stunde in der Küche
Nach dem Mittagessen, vor dem Kaffee, der Tisch noch nicht abgeräumt. Ein erinnerungsdurchwobener Essay über Resopal, eine Wolfsmilchpflanze auf dem Fensterbrett und das Erkennen, dass eine Tageszeit auch heute noch herstellbar ist, wenn man sich auf sie verlässt.
Es gibt in deutschen Küchen, sofern in ihnen noch gekocht und gegessen wird, eine Stunde am frühen Nachmittag, die schwer zu greifen ist, weil sie nichts tut. Sie liegt zwischen dem Aufstehen vom Tisch nach dem Mittagessen und dem ersten Schluck Kaffee, der irgendwann später folgt — meistens dreißig Minuten, manchmal eine ganze Stunde danach. Es ist die Spanne, in der der Tisch noch nicht abgeräumt ist, aber auch nicht mehr gegessen wird; in der die Teller stehen, mit den letzten Krümeln und einem halb zusammengelegten Stoffservierttuch daneben; in der das Wasser im Glas noch zur Hälfte da ist und niemand mehr daran rühren mag. Die Küche ist in dieser Stunde nicht aufgeräumt, aber sie ist auch nicht mehr in Aktion. Sie hat Pause, ohne in eine andere Tätigkeit überzugehen.
Was diese Stunde von anderen Pausen unterscheidet, ist, dass sie sich nicht hat planen lassen. Sie kommt von selbst, oder sie kommt gar nicht; sie lässt sich nicht durch einen Eintrag im Kalender herbeiführen. Sie braucht den richtigen Anfang — ein Mittagessen, das in Ruhe gegessen wurde, ohne den Druck, danach gleich weiterzumüssen — und sie braucht den richtigen Schluss, der gerade darin besteht, dass für sie keiner geplant ist. Sie ist eine Pause, die sich aus zwei Tätigkeiten ergibt, ohne dass eine dritte sie hervorbrächte. In den deutschen Esskulturen der siebziger und achtziger Jahre, in denen das Mittagessen oft noch das Hauptessen war und der Kaffee am Nachmittag eine eigene kleine Zeremonie, war diese Spanne in vielen Haushalten selbstverständlich. Sie ist seitdem seltener geworden, ohne dass irgendjemand offiziell entschieden hätte, sie abzuschaffen. Sie hat sich in den Tageslauf nicht mehr eingepasst, und sie hat sich, weil sie kein Lobbyist hatte, ohne Widerstand aus den Küchen zurückgezogen.
Eine Küche, die ich kannte
Die Küche, an die ich denke, gehörte zu der Wohnung meiner Großeltern, im ersten Stock eines kleinen Mehrfamilienhauses in einem rheinischen Vorort, gebaut neunzehnhundertfünfundsechzig, mit einer Einbauküche aus dem Jahr zweiundsiebzig, die bis in die späten Neunziger im Wesentlichen unverändert blieb. Die Arbeitsplatte war Resopal, ein Material, das in den Sechzigern noch als Wunder des modernen Wohnens galt und in den späten Achtzigern bereits als die Substanz für jene aussah, die sich keine neue Küche leisten konnten oder wollten; meine Großeltern gehörten zur letzteren Sorte, aus Überzeugung, nicht aus Notwendigkeit. Die Resopal-Schicht war beige mit einer feinen, hellbraunen Maserung, die in der Nähe der Spüle in den letzten Jahren langsam vergilbte. Auf der Arbeitsplatte stand eine Brotschneidemaschine aus Aluguss, ein Modell, dessen Hebel man mit der rechten Hand drückte, während die linke das Brot festhielt; die Kurbel war abgenutzt, aber die Klinge schnitt noch sauber.
Die Schiebetür zwischen Küche und Diele war ebenfalls aus einem Resopal-beschichteten Sperrholz, mit einer Aluminium-Schiene, in der sie lief. Sie machte beim Schließen ein Geräusch, das ich in keiner anderen Küche je gehört habe — ein leises, gleitendes Wisch, gefolgt von einem sehr feinen Klicken, wenn das Schloss in der Endstellung einrastete. Ich höre das Geräusch heute noch, ohne darum zu bitten; es kommt von selbst, wenn ich an die Küche denke, und es ist eines jener Sinnesdetails, von denen Marcel Proust gesagt hat, dass sie an Erinnerung mehr enthalten als die ganze Anstrengung des Willens. Ich vermeide allerdings, hier mehr zu sagen über die Madeleine, weil das eine längst geworfene Spur ist, die für jeden Essay über Erinnerung verbraucht wirkt; was Proust in seinem dritten Band noch zeigt, ist nicht die Madeleine selbst, sondern die Theorie, dass das Erinnerte sich selbst nicht erkennen lässt, ohne dass es im Gegenwärtigen einen Anlass findet, an dem es sich auflöst. Aber die Theorie ist nicht das, was die Erinnerung trägt; was sie trägt, ist das Material.
Auf dem Fensterbrett der Küche stand eine Wolfsmilchpflanze, Euphorbia tirucalli nach meiner späteren Bestimmung, ein in den Siebzigern beliebter Zimmerpflanze-Kandidat, mit dünnen, runden, blattlosen Trieben, die sich in alle Richtungen reckten. Die Pflanze war meinem Großvater geblieben aus einer Zeit, in der seine Schwester sie ihm geschenkt hatte; sie war als Steckling übergeben worden, und sie hatte über die Jahre vier oder fünf Mal selbst Stecklinge abgegeben, an Nachbarn, an entferntere Verwandte, die sich heute, wenn man sie fragt, nicht mehr erinnern. Im Mai, in der stillen Stunde nach dem Mittag, fiel das Licht durch das Küchenfenster im Norden mild und gefiltert auf das Fensterbrett; die Wolfsmilchpflanze zeichnete dann ihren schmalen Schatten auf die Resopal-Wand der Spüle, in dem ich als Kind manchmal Gesichter sah, ohne dass diese Gesichter eine Botschaft trugen. Es waren einfach Schatten, die Gesichter sein durften.
Was vor sich geht, wenn nichts vor sich geht
Was geschah in dieser Stunde? Eine ehrliche Antwort lautet: nicht viel. Die Großmutter saß auf einem der Holzstühle am Küchentisch, manchmal noch mit der Serviette auf dem Schoß; sie hatte die Hände im Schoß übereinandergelegt, nicht entspannt, eher abwartend, in einer Haltung, die ich später bei anderen Frauen ihrer Generation wiedererkannt habe, wenn sie eine kurze Pause zwischen zwei Aufgaben hatten. Der Großvater las gelegentlich die Zeitung, aber häufiger schaute er aus dem Fenster, auf die Straße, in der nichts passierte, was ihn besonders interessieren konnte; vielleicht eine Nachbarin, die mit einem Korb vorbeiging, vielleicht das Schäferhund-Paar aus dem Haus gegenüber, das spazieren geführt wurde. Manchmal sagte einer von ihnen einen Satz, der nicht beantwortet werden musste — etwas über das Wetter, über eine Tante, die sich nicht gemeldet hatte, über ein Schreiben vom Finanzamt, das vor zwei Wochen eingetroffen war — und der andere nahm den Satz zur Kenntnis, ohne darauf zu reagieren. Es war nicht so, dass nicht zugehört worden wäre. Es war so, dass eine Antwort den Zustand zerstört hätte, in dem die Stunde sich gerade befand.
Was war dieser Zustand? Ich glaube heute, mit dem Abstand der Jahre, dass es ein Zustand der absichtslosen Anwesenheit war. Beide waren da, beide waren miteinander, aber keiner verfolgte eine Absicht. Es wurde nicht gewartet, es wurde nicht erholt, es wurde nicht reflektiert; alles drei wären schon zu zielgerichtet gewesen für das, was die Stunde war. Sie war eine Form von Sein, die in den ökonomisierten Kalenderbewusstseinen unserer eigenen Jahre fast verschwunden ist, weil sie ohne Ergebnis ist. Sie führt nicht zu einer Tat, sie führt nicht zu einer Erkenntnis, sie führt nicht zu einer Erholung im messbaren Sinn. Sie ist eine Stunde, in der etwas in der Zeit selbst geschieht, das nicht in die Zeit hinausweist.
Wenn ich heute, in einer Wohnung in Köln, gegen halb zwei oder gegen zwei Uhr in meiner eigenen Küche sitze, mit dem Teller noch vor mir und der halbgegessenen Schale Erdbeeren in der Mitte des Tisches, dann ist die Möglichkeit der stillen Stunde immer noch da. Sie ist nicht weg. Sie hat ihren Platz nicht verlassen; sie hat nur den Vortritt verloren. Wenn das Telefon nicht in der Tasche zischt, wenn niemand eine Nachricht von der Sorte schickt, die eine Antwort erwartet, wenn die Wäsche, die noch laufen müsste, einmal nicht läuft — dann kann sich die Stunde einfinden. Sie braucht keine Wolfsmilchpflanze. Sie kommt auch in eine Küche ohne Resopal und ohne Schiebetür. Sie braucht nur das Mittagessen und den langsamen Übergang in eine Pause, die nicht weiß, wann sie endet.
Was sie nicht braucht — und das ist die kleine, aber entscheidende Erkenntnis, die mir das Erinnern in dieser Sache gegeben hat —, ist eine Inszenierung. Die stille Stunde lässt sich nicht herbeibasteln durch das Ausschalten des Telefons als Akt. Sie lässt sich nicht herbeibasteln durch das Setzen von Tageslicht-Kerzen. Sie lässt sich auch nicht herbeibasteln durch das ernste Vorhaben, jetzt aber wirklich nichts zu tun. All das sind Tätigkeiten, und die stille Stunde ist keine Tätigkeit. Sie ist eine Übergangszeit, die sich von selbst einstellt, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind und keiner sie unterbricht.
Das Erinnern an die Küche meiner Großeltern ist deshalb nicht elegisch. Es ist nicht so, dass die stille Stunde mit dem Tod der Großmutter im Jahr neunzehnhundertsiebenundneunzig oder dem des Großvaters drei Jahre später untergegangen wäre. Sie ist nicht untergegangen. Sie ist nur nicht mehr in dieser Küche, weil diese Küche nicht mehr ist. Aber als Form ist sie in jeder Küche herstellbar, in der gegessen wird, ohne dass das Essen schon das nächste vorbereitet. Sie ist eine forma vitae — eine Form des Lebens, kein Inhalt —, und Formen lassen sich von einer Küche in die andere übertragen. Es braucht dafür nicht den Stoff, es braucht die Bereitschaft, dass es sie gibt.
Ich räume den Tisch noch nicht ab. Ich höre, draußen, jemanden auf der Treppe; eine Tür, die im Haus oben aufgeht. Auf dem Fensterbrett, dort, wo bei meinen Großeltern die Wolfsmilchpflanze stand, steht bei mir eine Sansevieria, die anders wächst, aber denselben Schatten an die Wand wirft, wenn das Licht im Mai am frühen Nachmittag durch das Fenster fällt. Ich verlasse mich auf sie. Sie verlässt sich auf mich. Wir bleiben sitzen, bis es Zeit ist, den Kaffee aufzusetzen, was eine halbe Stunde später sein wird, oder eine ganze, je nachdem, wann es ist.