Heft xiv · Frühjahr 2026

Im Strom der Zeit Journal für Alltagsbeobachtung
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Stadt & Land · 10 min

Das Gartentor zum Hinterhof

Holzlatten, Schmiedeeisen, selbstgebaute Pforten aus den achtziger Jahren. Was die kleinen Tore zwischen Vorderhaus und Hinterhof über die Gliederung urbanen Wohnens verraten — und über jene, die davor stehen bleiben, ohne hineinzugehen.

Das Gartentor zum Hinterhof

Es gibt in fast jeder deutschen Stadt, wenn man genau hinsieht, eine Sorte von Schwelle, die nicht zur offiziellen Topographie gehört. Das Stadttor ist es nicht, denn das Stadttor gibt es höchstens noch als Verkehrsstelle, an der sich der Innenstadtring weitet. Das Haustor ist es nicht, denn das Haustor ist eindeutig — vorne, zur Straße, mit Klingelbrett und Briefkasten, und im Zweifel mit einem Schild „Haustür bitte schließen”. Es ist die Tür dazwischen: das kleine Tor, das vom Vorderhaus oder aus dem Treppenhaus heraus in den Hinterhof führt, oder das von der Straße aus, durch eine schmale Durchfahrt, eine Hofdurchgangsstelle markiert, an der das Öffentliche aufhört und das Halbprivate beginnt. Diese Tore stehen in Berlin, in Köln, in Hamburg, in jeder kleineren Stadt, in der die Bebauung dichter ist als das einzelne Reihenhaus zulässt.

Ich denke an drei, die ich kenne. Das eine ist in Köln-Ehrenfeld, an einem Haus in der Stammstraße. Es ist ein Holzlatten-Tor, vermutlich aus den frühen achtziger Jahren, mit Latten aus Lärche, die in der Zwischenzeit silbrig grau geworden sind; das Tor hat oben einen leicht geschwungenen Abschluss, kein Bogen, eher eine flache Welle, die jemand mit der Stichsäge in das obere Querbrett geschnitten hat. Der Riegel ist aus Schmiedeeisen, schwarz lackiert, mit einer kleinen Schnur, an deren Ende ein Holzring hängt, mit dem man von außen den Riegel anheben kann. Wer das Tor öffnet, geht durch einen Tordurchgang von zwei Metern Länge — gerade so lang, wie es Hauspläne im neunzehnten Jahrhundert vorsahen, um zwischen Vorderhaus und Hinterhaus eine Pufferzone für Lieferanten zu schaffen — und steht dann in einem Hof mit gepflasterten Wegen und zwei Pflanzbeeten.

Das zweite ist in einem Berlin-Friedrichshainer Hinterhof in der Kreutzigerstraße. Es ist kein Holztor, sondern ein Gitter aus Schmiedeeisen, das spätestens in den frühen zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts angefertigt wurde, mit floralen Schnörkeln im oberen Drittel, die heute mehrmals überstrichen sind, einmal schwarz, einmal blau, einmal wieder schwarz; die Farbschichten zeigen sich an Stellen, an denen die Hand des Hausmeisters den Pinsel angesetzt und wieder abgesetzt hat. Das Tor ist nicht repariert worden. Es ist instand gehalten worden — eine Unterscheidung, die wichtig ist. Repariert wird, was kaputt war; instand gehalten wird, was nie ganz kaputt sein durfte. Es schließt mit einem Druckschloss, das nur vom Hinterhof aus ohne Schlüssel zu öffnen ist; wer vom Treppenhaus kommt, hat einen Schlüssel, wer von der Straße kommt — der nur Bewohner des Hauses sein dürfte — hat einen anderen.

Das dritte ist in einer schwäbischen Kleinstadt, einer der gut gewachsenen Reihenhausgegenden aus den siebziger Jahren, in denen jedes Haus eine kleine Hecke vorn hat und ein Tor zu seinem Vorgarten. Es ist ein gemauertes Tor, mit zwei niedrigen Pfeilern aus Klinker, zwischen denen eine Holztür hängt; die Tür ist aus zwei Brettern zusammengesetzt, lasiert, mit einem Klopfer in Form einer kleinen Faust. Über dem Tor ist eine Kletterrose mit einer Sorte, die ich nicht benennen kann, aber die in den ersten Junitagen rosa blüht. Das Tor ist nicht hoch — keine eineinhalb Meter; man könnte ohne weiteres darübersteigen —, und das gehört zu seinem Wesen. Es schließt nicht aus, sondern markiert.

Was hinter dem Tor liegt

Die deutschen Hinterhöfe sind, je nach Region und Epoche, sehr unterschiedlich konzipiert. Im Berlin der Gründerzeit gehört der Hinterhof zur Mietshaus-Bebauung des späten neunzehnten Jahrhunderts; er war ursprünglich kein Erholungsraum, sondern ein Wirtschaftsraum, an dem die Werkstätten standen, in dem die Wäsche aufgehängt wurde und in dem die Kinder im Kreis spielten, ohne den Straßenverkehr zu queren. Der Wandel zum „grünen Hinterhof” mit Pflasterung, Bänken und Pflanzbeeten ist eine Erscheinung der achtziger und neunziger Jahre, in vielen Städten erst der zweitausender. In Köln und Hamburg sind die Hinterhöfe oft kleiner, weil die Bebauung aus dem späten achtzehnten oder frühen neunzehnten Jahrhundert kompaktere Grundstücke hat; das Tor zwischen Hauptgebäude und Hof ist hier oft schmaler, zwei oder drei Treppenstufen tiefer, mit einer schmalen Tordurchfahrt, die kaum für ein Auto reicht und die nie für eines gedacht war. In den Reihenhausgegenden der siebziger Jahre dagegen ist das Tor eine andere Sorte Markierung: nicht Hof, sondern Garten, nicht halböffentlich, sondern halbprivat im umgekehrten Sinn — was hinter dem Tor liegt, gehört nicht mehrere zusammen, sondern einem allein, der den Vorgarten von der Straße abschirmen will.

Diese drei Sorten von Toren verteilen drei verschiedene Vorstellungen davon, was zwischen meinem und unserem und eurem Raum für eine Differenz besteht. Im Berliner Mietshaus ist der Hinterhof ein unser Raum für die Hausbewohner, einsehbar nur von ihnen, betretbar nur von ihnen — aber zwischen den einzelnen Bewohnern kein mein Raum; jeder Schritt ist auf einen Boden gemacht, der allen gemeinsam ist. Im Kölner Hinterhof ist das Verhältnis ähnlich, mit einer kleinen Verschiebung zugunsten einer Form von Wohnlichkeit; die Pflanzbeete sind oft mit Schildchen versehen, die nicht das Pflanzenwissen erklären, sondern eine Zuständigkeit markieren — Frau Steiner, 2. OG —, sodass das Gemeinsame durch ein Patenschaftssystem ins Quasi-Private moduliert wird. Im schwäbischen Reihenhausgarten ist das Tor eine andere Schwelle: hinter ihm liegt nichts Gemeinsames, sondern ein durchaus privater Raum, der die Höflichkeit pflegt, sich nicht völlig abzuschotten.

Was alle drei Tore verbindet, ist die Möglichkeit, an ihnen stehenzubleiben. Ich glaube, das ist die eigentliche Funktion, die diese Schwellen leisten — nicht das Trennen, sondern das Zögern. Ein Stadttor ist ein Tor, das man passiert. Eine Bahnhofstür ist eine Tür, durch die man geht. Ein Gartentor zum Hinterhof aber ist eine Schwelle, an der die Möglichkeit besteht, eine Sekunde zu stehen und hineinzuschauen, ohne dass dies einen sofort verpflichtet, etwas zu tun. Wer hineinschaut, kann hineinschauen. Wer eingelassen wird, kann eingelassen werden. Wer ausgeschlossen wird, wird ausgeschlossen — meistens nicht durch das Tor, das ja niedrig genug ist, sondern durch die Geste, die ihm fehlt, durch das Klingeln, das ihm nicht erlaubt wird, durch das Augenpaar an einem Fensterrahmen im dritten Stock, das schweigt.

Eine literarische Anmerkung

Theodor Storm hat im Schimmelreiter eine Stelle, in der das Gartentor zwischen Hauke Haien und der Welt zu einer Schwellenfigur wird, ohne dass es als Schwelle ausgesprochen würde. Haien geht hinaus, und das Tor schließt hinter ihm. Es ist nicht das Stadttor und nicht das Haustor; es ist das kleinere Tor dazwischen, an der Verbindungsstelle zwischen einem privaten Innenraum, dem Hof, und einem öffentlichen Raum, dem Land, mit dem Deich und dem Meer dahinter. Storm braucht für diese Schwelle keinen Symbolkommentar; er hängt sie nicht groß auf. Aber sie ist da, und die Lesenden, die Der Schimmelreiter von früher kennen, werden sich erinnern, dass sich die Geschichte um diese kleinen Übergänge dreht — um die Frage, wer geht und wer bleibt, wer hinausgeht und nicht wiederkommt, wer drinnen ist und wer draußen, und dass das nicht durch große Tore entschieden wird, sondern durch die kleinen.

In den Hinterhöfen, die ich kenne, ist es ähnlich. Wer hineingehen darf, geht hinein; wer nicht hineingehen darf, sieht von außen das, was er sehen darf, und geht weiter. Das Tor lässt das beides zu, ohne dass es selbst sich verändert. Es bleibt, was es ist — Holz, Schmiedeeisen, Mauer mit Klinkerpfeilern —, und es regelt durch sein bloßes Dasein eine Topographie, die ohne es nicht zu denken wäre. Ein Hinterhof ohne Tor ist kein Hinterhof mehr; er wäre Straße. Eine Vorgartenfläche ohne Tor ist kein Vorgarten; sie wäre Bürgersteig.

Manchmal stehe ich an einem dieser Tore, wenn ich durch eine Stadt gehe, in der ich nicht wohne, und ich schaue hinein. Ich schaue eine Sekunde, vielleicht zwei. Ich gehe dann weiter. Niemand hat etwas gesagt. Niemand hat einen Vorhang gezogen. Aber ich weiß, dass jemand gesehen hat, dass ich gesehen habe; und ich weiß, dass das genügt, um die Schwelle als Schwelle zu erfahren, ohne sie zu überschreiten.


Ressort: Stadt & Land