Mai — die Stadt riecht nach Robinie
Die Blüten kommen spät in diesem Jahr, und wenn sie kommen, kommen sie alle auf einmal. Über den honigsüßen Geruch der Robinie in Berliner und Kölner Hinterhöfen, die ersten Mauersegler und die letzten kalten Nächte des Mai zweitausendsechsundzwanzig.
Die Robinie blüht in diesem Jahr spät. In den ersten Maitagen, wenn ich, aus alter Gewohnheit, an den Innenhöfen vorbeigehe und die Nase hebe, ist da noch nichts. Erst um den zehnten oder elften herum kommt der Geruch — auf einmal, und überall. In einem Hinterhof in Berlin-Wedding, in dem zwei alte Bäume mit krummen Stämmen seit Jahrzehnten ihr Eigenleben führen, hängt am Abend des elften Mai die Luft schwer und süßlich, ein wenig nach Honig und ein wenig nach Wachs; es ist ein Geruch, der nicht aus dem Garten weicht, auch wenn man die Hoftür schließt und im Treppenhaus weitergeht. In Köln, in einem Innenhof zwischen zwei Gründerzeitfassaden in Ehrenfeld, dasselbe ein paar Tage später. Die Stadt riecht, an einigen Stellen, wie ein Schrank mit alten Bienen.
Der Geruch ist nicht für jeden ein Versprechen. Manche, die ich kenne, halten ihn für zu süß; sie finden ihn schwer, klebrig, in den heißen Stunden des Vormittags fast unangenehm. Andere — und ich gehöre dazu — können nicht genug bekommen. Es ist ein Geruch, der für die kurze Spanne von acht oder zehn Tagen den Mai für sich beansprucht; in den Berliner Hinterhöfen, in denen die Robinie als anspruchsloser Stadtbaum oft seit den achtziger Jahren steht, wechselt das Atmen für eine Woche seine Qualität. Man atmet nicht nur Luft, man atmet einen Baum. Es ist die Erfahrung des Maibetrunkenseins ohne Wein.
Was alles in einer Woche geschieht
Mit der Robinie kommt anderes, was sich nicht trennen lässt. Die ersten Mauersegler sind in diesem Jahr am dritten Mai über meiner Straße in Köln gewesen, eine Woche später als 2018, das ich noch im Kopf habe, weil ich damals genau Buch geführt habe. Sie kreischen sehr hoch, in einer Frequenz, die manchmal einen Moment braucht, bis das Ohr sie wieder erkennt. Sie kreisen über den Dachfirsten in einer Höhe, die mir wie hundert Meter vorkommt, obwohl es vermutlich weniger ist; sie sind oben, das genügt. Dass sie da sind, heißt: dass das Wetter so weit warm geworden ist, dass die Mücken in der Luft schwirren, von denen niemand etwas merkt außer den Mauerseglern. Es heißt auch: dass der Mai sich nicht länger gegen seinen Charakter wehrt.
Der erste warme Regen ist am vierzehnten Mai gefallen, sehr lang, vier Stunden gegen Abend, eine Wärme, die durch die Jacke hindurchging. Auf dem Pflaster der Bonner Straße — ich war an diesem Abend dort, weil ich verabredet war — bildeten sich kleine Pfützen, in denen das Licht der Straßenlaternen schon nach der Wärme aussah, nicht nach der Kälte. Tags darauf war alles grüner. Ich glaube, das ist kein Klischee, sondern eine optische Tatsache: nach dem ersten richtig warmen Regen sieht das Grün der Hofbäume und der Vorgärten um eine Spur dunkler aus, mit mehr Stoff darin.
Die letzte kalte Nacht des Mai war in diesem Jahr die vom siebzehnten auf den achtzehnten. Die Temperatur fiel auf vier Grad, und in den höheren Lagen Brandenburgs gab es noch einmal Bodenfrost, der die Nelkengewächse traf, die ein paar zu mutige Berliner Balkongärtner schon ausgesetzt hatten. Es war die Nacht, von der die Bauernregel sagt, sie sei die letzte. Bisher stimmt die Regel. Aber sie stimmt knapp, und sie wird in den nächsten Jahren öfter knapp stimmen, oder gar nicht mehr.
Literarischer Nachklang
Es ist nicht so, dass der Mai sich aus der literarischen Tradition gelöst hätte. Im wunderschönen Monat Mai — die Zeile Heines ist so oft zitiert worden, dass sie ein wenig ihren Klang verloren hat, aber sie steht, und sie steht stabiler als man denkt; das Adjektiv wunderschön hat im Heineschen Mund einen Bodensatz, der heute nur noch selten mitgehört wird, eine Spur Verzweiflung, ein Schwanken zwischen Frühlingsglück und Innerlichkeit, das man im Cantilenenton der Vertonung leichter vergisst, als gut wäre. Eichendorffs Mai ist ein anderer — die Welt fängt an zu klingen, und auch dieser Satz ist nicht abgegriffen, sondern wartet einfach darauf, dass man ihm zuhört. Es klingt tatsächlich; nur nicht so, wie es geklungen hat.
Was 2026 anders ist, ist nicht der Mai selbst, sondern unser Verhältnis zu seinem Kalender. Die Spätlinge — Robinie, Holunder, der späte Flieder — kommen später, manchmal um eine Woche, manchmal um zwei; die Frühlinge — die Magnolie, der Forsythienstrauch — kommen früher, manchmal um drei Wochen. Die alten Phänologen, die in der DDR und in der Bundesrepublik gleichzeitig genau Buch führten über das Datum, an dem die Apfelblüte aufgeht, haben uns Datenreihen hinterlassen, in denen man die Verschiebung mit dem Lineal nachziehen kann. Der Mai zerfällt nicht; er rückt nur aneinander. Was im Mai geschieht, geschieht alles am Stück und in größerer Eile.
Vielleicht ist das die ehrlichste Beschreibung des Mai zweitausendsechsundzwanzig: dass er noch da ist, aber gedrängter; dass er noch riecht, aber konzentrierter; dass er noch kalt sein kann, aber kürzer; dass er noch der Monat ist, in dem die Stadt anfängt, nach Robinie zu riechen, aber das die Tage, in denen sie nach Robinie riecht, weniger geworden sind. Wenn ich am Abend in den Berliner Hinterhof zurückgehe, in dem die zwei Bäume stehen, ist der Geruch immer noch da, und ich stelle mich für ein paar Minuten unter sie. Es ist die einzige Form von Andacht, die mir in diesem Monat einfällt, die nicht peinlich ist. Sie kostet nichts, dauert nicht lang, und sie ist nur einmal im Jahr.