Eine Bushaltestelle am Sonntagmorgen
Acht Uhr zwanzig, ein Vorort, eine Bank aus drei Stahlstreben, ein Glas mit Fahrplan, ein Aschenbecher. Was die kleine Architektur des Wartens über die Sonntagsstille einer Gemeinde verrät, in der die Frequenz selten ist und das Schweigen nicht.
Acht Uhr zwanzig an einem Sonntagmorgen, draußen am Rand einer Vorortgemeinde, die ich aus Diskretion nicht nennen will, weil sie sich genauso gut hier wie dort befinden könnte: in Niedersachsen, im Schwäbischen, am Niederrhein. Die Häuser stehen in ordentlicher Reihe; ein Briefkasten mit doppelter Klappe, ein Vorgarten mit drei Buchskugeln, eine Auffahrt aus gewaschenem Beton. Die Straße ist leer. An der Haltestelle, an der ich mich an die Stahlrohrbank lehne, ist außer mir vorerst niemand. Über der Bank ein verglastes Wartehäuschen, dessen Dach im Stil der späten neunziger Jahre leicht nach vorn geneigt ist; an die Glasseitenwand ist ein Fahrplan getapt, der seit dem letzten Fahrplanwechsel zwei kleine Korrekturen erhalten hat — handschriftlich, mit blauem Filzschreiber, von einer Hand, die sich nicht ganz sicher war, ob sie das durfte.
Die Bank besteht aus drei Stahlstreben in derselben Form, mit der man sie überall im Land sieht; sie sind so angeordnet, dass man darauf weder gut sitzen noch sich darauf hinlegen kann — eine Konstruktion, deren Botschaft im Begriff defensive design gut zusammengefasst ist, ohne dass dieser Begriff den Bewohnern der Gemeinde geläufig wäre. Neben der Bank, an einer eigenen kleinen Stahlstange, ist ein Aschenbecher aus rostfreiem Edelstahl montiert; sein Deckel ist halb offen, weil das Federchen, das ihn schließen sollte, irgendwann nachgegeben hat. Im Inneren liegen vier oder fünf Kippen, alle schon mehrere Tage alt, einige davon mit dem typischen orangefarbenen Filter einer Marke, die hier offenbar geraucht wird. Niemand wird heute eine Kippe hinzulegen, vermute ich. Sonntagmorgen ist keine Raucherzeit.
Was an einer Haltestelle ist
Ein paar Minuten vergehen. Ein Hund kommt vorbei, ein älterer Dackel an einer roten Lederleine, geführt von einer Frau mit grauem Lockenkopf und einer dünnen Trainingsjacke, die sie wahrscheinlich nicht zum Trainieren trägt. Sie nickt mir zu, ohne stehen zu bleiben, und ich nicke zurück. Der Dackel will an der Stahlstrebe schnuppern; sie zieht ihn weiter. Beide verschwinden hinter der Hecke der Nummer zwölf. Ein Auto fährt sehr langsam vorbei, ein VW Polo, dessen Fahrer im Vorbeifahren auf die Haltestelle schaut, als wollte er sich vergewissern, dass die Welt noch in Ordnung ist und niemand zu Unrecht dort steht.
Die Sonntagsfrequenz dieser Linie ist niedrig. Der Fahrplan, den ich studiere, verzeichnet vor zehn Uhr nur drei Fahrten. Die erste war um sechs Uhr neunundvierzig — vermutlich für die Pflegehelferinnen, die in die Kreisstadt fahren —, die zweite um sieben Uhr dreiundzwanzig, und die dritte ist die meine, acht Uhr siebenunddreißig. Danach kommt erst wieder um zehn Uhr vier einer. Vier Fahrten an einem Sonntagmorgen — das ist die Übersetzung einer Lebensweise in eine Frequenz, oder umgekehrt; die Frequenz ist niedrig, weil die Lebensweise das so vorsieht, oder die Lebensweise ist so geworden, weil die Frequenz das so erzwingt. Es ist schwer zu sagen, was Henne ist und was Ei. Klar ist nur, dass am Sonntagmorgen wenig Verkehr besteht zwischen dieser Vorortgemeinde und der Welt.
Gegen acht Uhr neunundzwanzig kommt ein zweiter Wartender. Ein Mann, vielleicht Mitte sechzig, mit einer Stoffjacke und einer Plastiktüte, in der zwei Bücher liegen — ich kann das an der Form der Tüte ablesen, ohne hineinsehen zu müssen. Er stellt sich an die andere Seite des Wartehäuschens, nicht weil dort mehr Platz wäre, sondern weil das die Geste ist, die unter Wartenden auf einem deutschen Land in dieser Generation üblich ist: man teilt den Raum, indem man sich entfernt, ohne sich zu entfernen. Er grüßt nicht. Er grüßt mich aber auch nicht nicht. Es ist eine besondere, lautlose Form des Daseins, die nichts erwartet und nichts verweigert.
Worauf wir warten
Zwischen seiner Ankunft und der Ankunft des Busses liegen acht Minuten. Acht Minuten zu zweit an einer Haltestelle ohne irgendein Wort — das könnte sich, an einem anderen Ort, lange anfühlen, und ich vermute, in einer Münchner Innenstadt würde es das auch. Hier nicht. Hier ist die Form des Wartens geübt; sie wird nicht zur Spannung. Wir stehen, jeder für sich, beide zum selben Bus, und das Schweigen ist nicht die Abwesenheit eines Gesprächs, sondern die Anwesenheit von etwas, das kein Gespräch braucht. Über dem Wartehäuschen hängt ein Vogel im Geäst einer Linde und versucht ein Lied, das ihm nicht ganz gelingen will. Der Wind ist mild. In einer der Einfahrten klappert ein Tor, das nicht ganz eingerastet ist.
Der Bus kommt mit drei Minuten Verspätung um acht Uhr vierzig. Er ist leer. Der Fahrer hebt grüßend zwei Finger von seinem Lenkrad, was wir, der Mann mit der Plastiktüte und ich, zurückgrüßen, ohne dass es einen Plan dafür gegeben hätte, dass wir beide grüßen. Die Tür zischt auf. Der Mann steigt zuerst ein, dann ich.
Ich folge ihm aber nur zwei Schritte weit. Ich bleibe stehen, lasse den Bus stehen, lasse ihn allein einsteigen. Ich sehe, wie er in der dritten Reihe Platz nimmt, seine Plastiktüte vor sich, die Bücher vermutlich darin auch ohne nachzusehen, wie er sich kurz zurecht setzt, wie er nach vorne sieht, ohne irgendetwas zu suchen. Die Tür zischt zu. Der Bus rollt an, ganz langsam zuerst, dann nimmt er an Tempo zu. Ein paar Sekunden später ist er hinter der Hecke der Nummer achtundzwanzig verschwunden.
An der Bushaltestelle, an die ich mich jetzt wieder lehne, ist es ein bisschen leerer als vorher, weil der Bus, der hätte da sein sollen, schon weg ist, und der nächste erst in achtundachtzig Minuten kommt. Aber leer ist nicht das richtige Wort. Es ist genauso voll wie vorher, nur ohne Bus, ohne Mann, ohne Plastiktüte. Die Bank aus drei Stahlstreben ist da. Der Aschenbecher mit dem halb offenen Deckel ist da. Der Fahrplan mit den zwei handschriftlichen Korrekturen ist da. Der Vogel in der Linde ist auch noch da, und er versucht weiter sein Lied.