Heft xiv · Frühjahr 2026

Im Strom der Zeit Journal für Alltagsbeobachtung
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Beobachtung · 11 min

Das Licht im Supermarkt

Über die kalibrierten Leuchtspektren an Obst-, Fleisch- und Käsetheke und das, was sie über die Selbstinszenierung des Konsums verraten. Eine ruhige Beobachtung an einem Sonntagabend in einem REWE, kurz vor zweiundzwanzig Uhr.

Das Licht im Supermarkt

Wer am späten Sonntagabend einen Supermarkt betritt, betritt einen Raum, der das Licht behält, das er sich am frühen Morgen gegeben hat. Draußen, jenseits der automatischen Schiebetür, ist es längst dunkel; die Straße liegt im milden Gelb der Natriumdampflampen, ein Auto fährt vorbei, ein Hundehalter zieht seine Leine straff. Im Inneren des Marktes aber herrscht jene helle, hohe, leicht ins Bläuliche kippende Tageshelligkeit, die uns hier zwischen Wurstvitrinen und Toilettenpapierpyramiden seit Stunden begleitet, ungerührt vom Stand der Sonne, unbeeinflusst von der Jahreszeit. Die Leuchtstoffröhren über den Gängen — heute fast nur noch ihre LED-Nachfolger, die mit gleichem Auftrag denselben Dienst tun — bestrahlen die Regale aus einer Höhe von drei Meter siebzig mit fünfhundert Lux, was ungefähr dem entspricht, was an einem leicht bewölkten Frühlingstag um die Mittagszeit auf der Straße liegt. Wir sehen also, wenn wir den Markt betreten, einen Raum, der vorgibt, mitten am Tag zu sein. Wir sehen ihn auch dann so, wenn die Uhr zweiundzwanzig vor zehn zeigt.

Was die Beleuchtung in einem deutschen Supermarkt interessanter macht als die in einem Möbelhaus oder einer Apotheke, ist die Tatsache, dass sie nicht eine Helligkeit ist, sondern viele. Sie wechselt mit dem Warenbereich, und sie wechselt mit einer Genauigkeit, die nur dann auffällt, wenn man sie sucht. Über dem Obst- und Gemüsestand hängen Leuchten mit warmweißem Licht und leichtem Magentastich, ein Spektrum, das die Rottöne der Erdbeeren und das tiefe Violett der Auberginen sättigt; die roten Paprika wirken unter diesem Licht greifbarer, satter, als sie es unter dem Tageslicht meiner Küche je täten. Über der Fleischtheke steht das Licht weiter im rötlichen Bereich, allerdings kühler, pinker, fast rosé — ein Spektrum, das auf das Myoglobin der Muskelfasern abgestimmt ist, sodass das Hackfleisch frischer aussieht, das Schnitzel feuchter, das Bratenstück lebendiger. An der Käsetheke schließlich ist das Licht gelblich, ein cremiges Gelb, das die Rinde des Comté wärmer macht und den Schnittkäse leuchten lässt. Wer die Lichter einmal bemerkt hat, kann sie nicht mehr nicht bemerken. Man geht durch den Markt wie durch eine Folge von Räumen mit jeweils eigener Stimmung, die einander nicht widersprechen, weil sie nahtlos ineinander übergehen, jede Theke ein Bühnenbild, jede Beleuchtung ein Souffleur.

Was das Licht uns sagen will

Es wäre billig, daraus eine Anklage zu machen. Der moralische Reflex, der vor der Wurst- oder Fleischtheke greifbar wird — so täuscht man uns —, gehört zu jener Sorte von Empörung, die sich gern als Erkenntnis ausgibt, ohne mehr zu leisten, als das Schon-Gewusste zu bestätigen. Die Lichter im Supermarkt täuschen niemanden, der sehen will. Sie machen sichtbar, was sichtbar gemacht werden soll: dass diese Erdbeere rot ist, dass dieses Fleisch frisch sein könnte, dass dieser Käse einen Ton hat. Sie zeigen, was die Ware ihrem Wesen nach zu zeigen beansprucht — nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Tageslicht draußen, in einem Bauernmarkt am Vormittag, würde dasselbe Hackfleisch grauer wirken lassen, die Auberginen stumpfer, den Käse blasser. Welcher der beiden Räume zeigt das Ding wie es ist? Die Frage ist falsch gestellt. Es gibt kein Licht, das nichts macht. Es gibt nur Lichter, die unterschiedlich viel beanspruchen, von dem, was sie ausleuchten.

Was das Supermarktlicht beansprucht, ist allerdings keine kleine Sache. Es beansprucht eine Form von Unabhängigkeit vom Außen. Während wir hineingehen, lassen wir mit dem Wetter auch die Jahreszeit, die Tageszeit und das stadtbürgerliche Schwanken zwischen hell und dunkel an der Schiebetür zurück. Drinnen ist immer derselbe Tag. Das ist, was die deutschen Filialisten ihren Stammkunden seit den siebziger Jahren versprochen haben, und es ist auch das, was funktioniert: die Versicherung einer Helligkeit, in der Kaufen leichter fällt, weil Sehen leichter fällt, weil Zögern leichter fällt, weil das Zögern in einem hohen, kalten, gleichmäßigen Licht weniger nach Zweifel aussieht und mehr nach Auswahl.

Der späte Sonntag

Wenn ich gegen halb zehn an einem Sonntagabend in den REWE an der Wilhelmstraße gehe, ist der Markt fast leer. Eine Kassiererin sitzt an der einzigen geöffneten Kasse, eine zweite stellt im Hintergrund Kisten zurück. Im Obst- und Gemüsegang stehen die Kästen mit Bio-Karotten und Salatköpfen schon halb leer; die letzten Avocados liegen einzeln, wie übrig gelassen. Aber das Licht ist unverändert. Es ist um zweiundzwanzig Uhr genau so hell, so warm, so kalt, so präzise wie um zehn am Vormittag. Die magentastichigen Leuchten über den Erdbeeren machen aus den fünf restlichen Schalen eine kleine Bühne; an der Käsetheke leuchtet die Vitrine wie ein Schaufenster, hinter dessen Glas niemand mehr steht.

Es liegt etwas eigentümlich Unbeholfenes in dieser Konstellation, eine kleine Verlegenheit der Räume, die nicht weiß, dass kaum noch jemand da ist. Die wenigen Köpfe, die durch die Gänge gehen — ein Mann mit zwei Tafeln Schokolade, eine Frau, die ihre Hand auf einen Joghurtbecher legt und sie dann wieder zurückzieht, ein junges Paar, das gerade noch eine Flasche Wein für den Abend sucht —, sind von diesem Licht weiter eingehüllt wie um die Mittagszeit. Niemand sieht müde aus. Niemand sieht so aus, als wäre er gerade aus seinem Wohnzimmer gekommen, in dem das Licht in Lampenschirmen aus den achtziger Jahren steht. Sie sehen aus wie Mittagskunden, die sich verirrt haben in eine Stunde, in der eigentlich keine Mittagskunden mehr sein sollten.

Vielleicht ist das, was den Supermarkt am späten Sonntagabend zu einem besonderen Ort macht, nicht das Auslaufen des Tages, sondern das Nicht-Auslaufen des Lichts. Andere Orte werden mit ihren Menschen leiser, dimmen sich, lassen das Außen herein: Cafés werden milder, Restaurants ändern ihre Beleuchtung gegen acht, sogar Bahnhöfe haben eine Nachtstimmung, in der die Glasdächer dunkel werden und die Wartesäle einen Schritt von der Mittagshelligkeit zurücktreten. Der Supermarkt aber bleibt. Er bleibt wie ein Sender, dessen Programm keinen Sendeschluss kennt — bis um zweiundzwanzig Uhr die Schiebetür einmal noch hinter dem letzten Kunden zugeht und das Licht, jetzt erst, mit einem hörbaren Klicken aus den Reihen geht.

Es ist nicht so, dass dieses Licht etwas verbirgt. Es zeigt vielmehr, was es zeigt, mit einer Beharrlichkeit, die nicht nachgibt. Wir stehen darin, einen Moment, mit unserem Korb in der Hand, die Erdbeeren noch rot, der Käse noch gelb, die Auberginen noch tief, und gehen dann nach Hause. Draußen ist es jetzt richtig dunkel. Das Auge stellt sich erst nach drei oder vier Schritten auf das Außenlicht ein. Bis dahin sieht alles aus, als wäre es ein wenig zu blass.


Ressort: Beobachtung